Unsere Sportart leidet unter einer fehlenden Trainingskultur. Welche Konsequenzen hat dies und wie wäre es zu ändern?
Im Tischtennis fehlen noch immer in der überwiegenden Zahl aller Vereine und Clubs in Deutschland klare Rollen für Trainer(innen), strukturierte Inhalte und eine gelebte Trainingskultur. Eine Veränderung dieser überwiegend und seit Jahrzehnten zu beobachtenden Situation lässt sich nur dann erreichen, wenn Vereine Training nicht mehr als bloße Hallennutzung verstehen, sondern als organisierte Zeit, pädagogisch und sportfachlich gesteuerte Entwicklungsprozesse ihrer Spieler(innen) anzuschieben und zu fördern.
In der Praxis wird „Training“ im Großteil aller Vereine als „freies Spielen ohne systematische Inhalte zu einer bestimmten Zeit“ beschrieben. Genau das kritisieren diverse Tischtennis-Quellen, die eine Weiterentwicklung von Vereinen als notwendige Veränderung erachten, seit Jahrzehnten. Genannt werden das Fehlen vieler relevanter, notwendiger und qualifizierter Trainingsinhalte wie Aufschlagtraining, Balleimertraining, eine sinnvolle und motivierende Trainingsmethodik für Anfänger – egal in welchem Alter – und zu wenig qualifiziertes Erwachsenentraining, um deren Potenzial zu fördern.
Gleichzeitig zeigt die Ausbildungs-Struktur des DOSB, dass Trainerqualifizierung im organisierten Sport in Deutschland grundsätzlich über C-, B- und A-Lizenzen aufgebaut ist und auch Trainer(innen) jährlich ausgebildet werden.
Warum Trainer unverzichtbar sind
- Tischtennis ist technisch und taktisch so komplex, dass Fortschritt ohne systematisches Lernen zufällig bleibt. Halbwissen wird zur Regel.
- Qualifizierte Trainer schaffen Struktur, methodische Klarheit und ein Umfeld, in dem Spielerinnen und Spieler tatsächlich besser werden können.
- Ohne Trainingskultur fehlt oft genau das, was andere Sportarten selbstverständlich haben: regelmäßige, fachlich geführte Entwicklung statt bloßem „Spielen“.
Welchen Nutzen hat der Verein
- Trainer verbessern Bindung und Motivation der eigenen Mitglieder, weil diese schneller Fortschritte erleben und dadurch länger im Verein bleiben.
- Sie helfen, Angebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aufzubauen, statt den Verein nur über den „Mannschaftsspielbetrieb“ zu definieren.
- Ein Verein mit guter Trainingsqualität wirkt professioneller und attraktiver für neue Mitglieder, Eltern und Talente.
Welchen Nutzen haben Spielerinnen und Spieler
- Gute Trainer(innen) verbessern gezielt technische Aspekte wie alle Schlagtechniken, Aufschlag, Rückschlag, Beinarbeit, taktische Spielelemente einzelner Spieler(innen) sowie deren Entscheidungsverhalten im Wettkampf. Und sie stärken das Selbstvertrauen Ihrer Spieler(innen) durch die hohen mentalen Anforderungen, die Tischtennis stellt. Also genau die Bereiche, die im Match den Unterschied machen.
- Sie machen aus vorhandenem Potenzial echte Leistung, statt dass Fortschritt vom Zufall oder von einzelnen Spielertrainern abhängt.
- Besonders im Erwachsenenbereich ist qualifiziertes Training wichtig, weil dort oft jahrelang Entwicklungsreserven ungenutzt bleiben.
Typische Einwände (plus Gegenargumente)
„Trainer(innen) sind zu teuer“.
Gute Trainer sind keine Kostenstelle, sondern eine Investition in Mitgliederbindung, Leistung und Zukunftsfähigkeit. Das Argument „zu teuer“ ist nebenbei noch eine Abwertung der Arbeitsleistung von Trainer(innen), da diese ihren Preis über den Wert ihrer Arbeit und ihre Erfahrung definieren. Und nicht danach, welche Einnahmen ein Verein über seine monatlichen Mitgliedsbeiträge rekrutiert und ob diese ausreichend sind, der Wert dieser Arbeit anzuerkennen.
„Unsere Erwachsenen wollen das nicht“.
Dieses Argument wird auch dann immer gebracht, wenn keine negativen oder überhaupt Erfahrungen mit qualifizierter Trainingsarbeit im Verein gemacht wurden. Wie sollen also Menschen, die gar nicht wissen, wie ein qualifiziertes Training im Verein ablaufen könnte, dies beurteilen? Ohne attraktive, gut geführte Angebote entsteht Nachfrage oft gar nicht erst – und alles bleibt beim Alten!
„Wir finden keine Trainer“.
Genau deshalb lohnt sich Ausbildung in vielen Vereinen, Kooperation unter vielen Vereinen und gezielte Bindung vorhandener (Personal-) Kräfte, die vorhanden sind.
„Wir haben das immer ohne Trainer gemacht.“
Gerade das erklärt häufig Stagnation, Abwanderung und fehlende Entwicklung bis zu Abmeldung eines Vereins.
Ohne qualifizierte Trainer(innen) bleibt Tischtennis oft reines Spielen; mit Trainern wird daraus planbare Entwicklung, mehr Motivation und langfristige Vereinsstabilität.

Was geändert werden sollte:
- Trainingszeiten in Vereinen müssen zweidimensional gedacht und in der Praxis umgesetzt werden. Organisierte Trainingsgruppen und „Freies Spielen“ sollte nebeneinander existieren. Zweigeteilte und motivorientierte Trainingsgruppen, sowohl im Nachwuchs- als auch im Erwachsenenbereich) mit unterschiedlichen Beitragsniveaus, sind zeitgemäß.
- Training braucht generell feste Ziele pro Alters- und Leistungsgruppe, statt nur „Einspielen und Matches“.
- Vereine brauchen gut ausgebildete und erfahrene Trainerinnen und Trainer, nicht nur engagierte Helfer. Im Verein könnte dann praxisnahe Ausbildung von Helfern oder grundlagenausgebildeter C-Trainer (deren Qualifizierung durch diese Ausbildung nicht ausreichend ist) erfolgen.
- Anfänger- und Beginner-Training – egal in welchem Altersbereich – muss entsprechend altersgemäß methodisch sauber aufgebaut sein, damit Kinder und Erwachsene früh Fortschritte erleben. Unser Sportart ist kompliziert und bedarf einer guten kommunikativen und methodischen Vermittlung.
- Erwachsenentraining muss stärker berücksichtigt werden, weil die Nachfrage und der Bedarf enorm gestiegen sind. Hier entscheidet sich eine Trainingskultur: Trainer im Nachwuchsbereich: Ja, Trainer im Erwachsenenbereich: Nein – das ist inplausibel, schwer vermittelbar und führt zu hohen Drop-Out-Quoten.
Dies sind überzeugende Argumente für die Beschäftigung von Trainerinnen und Trainern im Tischtennis, gerade weil vielerorts keine echte Trainingskultur vorhanden ist.