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Wertsache Trainer – Wertsache Verein

“Um Wissen produktiv zu machen, müssen wir lernen, sowohl den Wald als auch den einzelnen Baum zu sehen. Wir müssen lernen, Zusammenhänge herzustellen”

Peter Drucker, 1993

Die Corona-Zwangspause gibt uns allen Zeit, über wichtige Dinge nachzudenken, die unsere Sportart und unsere Vereine im Jahr 2021 weiterbringen. Zum Beispiel darüber, was unsere Sportart, ihre Infrastruktur und ihr Personal überhaupt wert ist. Was ist umsonst in unserer Welt, was umsonst in unseren Vereinen? Antwort: nichts! Schon gar nicht die Arbeit eines qualifizierten Trainers oder auch ehrenamtlicher Mitarbeiter(innen). Und umgekehrt gilt dies auch für Vereinsmitglieder. Ansonsten wäre alles sehr ungerecht…

von Thomas Dick, Dannenberg

Ist es Glaube? Oder gar Erwartung? Oder tatsächlich Unwissenheit? Vielerorts glauben viele Menschen, es gäbe in deutschen Tischtennis-Vereinen oder bei Trainer(inne)n, die dort qualifizierte Arbeit leisten, etwas geschenkt oder als „Schnäppchen“. Also etwas, wofür man weder großartig etwas tun („mitarbeiten“) noch etwas dem Wert Angemessenes bezahlen oder etwas hinnehmen muss – weil es ja so ist und immer schon war. 

Nehmen wir also einmal an es wäre ein Glaube … dann wäre dieser uralt. Und nicht nur, weil man oft am Thema „zeitgemäße Einstufung einer ehrenamtlichen Tätigkeit“ oder „zeitgemässe Einstufung einer aualifizierten Trainertätigkeit“ vorbei diskutiert. Kern dieses Glaubens und seiner Annahme ist vielmehr, dass Menschen gern glauben, was sie glauben wollen; man nennt es auch Aberglaube. Auch und besonders im Tischtennis in Deutschland ist dies verbreitet und – bedauerlicherweise – (k)ein Thema. Sogar ein „ehrenamtliches Tabuthema“. 

Und deshalb ist es Zeit, es anzusprechen!

Vor allem unter dem Aspekt, dass Tischtennis-Deutschland keine Insel der Glückseligen mehr ist … wie viele noch immer vermuten und wie es schon vermutet wurde, bevor sich ein Virus bei uns breitgemacht hat: Seit dem WM-Titel von Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner 1989 sinken die Mitgliederzahlen der deutschen Spielerinnen und Spielern in Vereinen dramatisch, wird das spielerische Niveau der deutschen Spielerinnen und Spieler innerhalb allen Ligen unter der Bundesligen immer schwächer. Eigentlich eine logische Folge dieser zunächst quantitativ beobachtbaren Entwicklung der Mitgliederzahlen.

Was nichts kostet ist nichts wert – das wussten schon unsere Vorfahren! Im Grunde wissen wir das auch – alle Trainer(innen), alle Funktionsträger in Vereinen und Verbänden: Alles hat seinen Preis. Leistungsangemessenes Honorar für qualifizierte Trainingsarbeit oder Respekt und Achtung vor ehrenamtlicher Arbeit. Oder eben auch keine qualifizierte Trainings- und Entwicklungsarbeit und kein Respekt und keine Achtung vor ehrenamtlicher Arbeit und eben nichts tun. Und das alles einen Preis hat, existiert nicht erst, seitdem der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedmann formuliert hat: „There`s no such thing as a free lunch“. Niemand schenkt dir was. Aber es gibt eine Menge Menschen in unseren Vereinen, die so tun, als ob …!

Warum ist das so? Gibt es etwas umsonst oder unter Wert? Alles möglicherweise? Woher kommt die unausgesprochene und latente Haltung vieler Vereinsmitglieder, der Verein müsse ja „irgendwie geführt werden“ (ohne dabei sich selbst einzubringen), der „Trainer sei doch im monatlichen Beitrags-Preis von € 1,-, € 2,- oder auch € 8,- inbegriffen“? Oder die Haltung vieler Vereinsvertreter, sich so zu verhalten, als ob eine Trainer-Dienstleistung gem. gültiger Vereinssatzung tatsächlich und explizit zum Satzungszweck gehöre (und damit selbstverständlich nicht finanzierbar sei)?

Natürlich ist das ein Traum. Natürlich gibt es nichts umsonst. Auch keine ehrenamtliche Arbeit, auch sie hat ihren Preis. Es sind die uralten Regeln, die überall gelten: Man tauscht. Der „ewige Markt“, der auch im Vereinsleben zählt und greift: eine menschliche und eine soziale Konstante. Man gibt etwas, wenn man etwas genommen hat. 

Warum tun Menschen das (in der Regel) – ganz gleich, in welchen sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen sie leben?

Mitgliedsbeiträge sind die erste Visitenkarte eines Vereins und dokumentieren, worauf im Verein W e r t gelegt wird.

Eigentlich ganz einfach: das Geben und Nehmen stellt soziale Ordnung her. „Gesellschaft, Gemeinschaft, kleinste und größte soziale Einheiten folgen diesem Muster. Gibt jemand etwas, geben wir auch etwas zurück. Jeder, der etwas bekommen hat, ist damit Schuldner – bis er etwas zurückgibt, das einen Wert hat – direkt oder indirekt.“ (Marcel Mauss, französischer Soziologe).

In einer Vereinsarbeit gibt es nichts umsonst, das müssen deren Mitglieder akzeptieren (vielleicht auch einmal durch einen entsprechenden Satzungshinweis!). Jeder Gabe folgt eine Gegengabe – eine Rück-Gabe – weist Soziologe Mauss unter anderem nach. Und es braucht für diesen Tauschvorgang klare Maßstäbe, Werte und Regeln – die leider in vielen Vereinen heute verschwunden sind, bzw. die nicht mehr gelebt werden. Jeder von uns kennt das: Bekomme ich zum Geburtstag ein Geschenk im Wert von € 150,-, habe ich ein schlechtes Gefühl, beim Gegen-Geburtstag mit einer Schachtel Pralinen von Aldi um die Ecke in der Tür zu stehen…

Wo ist also die „Wert“-Schätzung für das Ehrenamt oder das „Wert“-volle der Arbeit eines Trainers oder einer Trainerin?

Für das Prinzip der Trainerleistung/Vereinsmitgliedschaft/Einzelbuchung des Trainers/Ehrenamtlichen Arbeit der Vereins- oder Verbandsvorstände spielt es demnach ebenfalls keine Rolle, ob man Geld gegen Ware oder Geld gegen Dienstleistung tauscht, oder gegen Ideen oder Naturalien. Das Prinzip „Tit for Tat“ muss gewahrt bleiben, dann ist alles ok! Und da ist es wieder: “There`s no such thing as a free lunch“.

Es ist schon ein Paradoxum besonderer Art, wenn wir in einem Land wie Deutschland, in dem 6.200 Milliarden Euro (6,2 Billionen!) auf Privatkonten liegen (ohne Immobilien!), darüber nachdenken müssen, warum es hier eine im Vereins-oder Verbandsbereich noch immer weit verbreitete Umsonst- und „Wenig-Bezahl-Ökonomie“ gibt. Warum Trainer(innen) ohne oder mit einer Bezahlung unterhalb des gesetzlichen Mindestlohnes arbeiten, aber dennoch Gegenleistungen in einem Bereich erbringen, der einen um ein Vielfaches höheren Wert besitzt. Warum qualifiziertes Training für € 1,- bis € 8,- pro Mitglied und Monat „zu akzeptieren sei“ … (und damit natürlich indirekt auch die Arbeit eines/einer Trainers/Trainerin abgewertet wird). Warum ehrenamtliche Arbeit immer seltener „honoriert“ wird …

Es liegt also der Verdacht nahe, dass diese „Umsonst- und Wenig-Bezahl-Ökonomie“ gar keine ist, sondern nur so tut. Wer (als Verein oder Trainer) keine unmittelbare Rückgabe (in Form eines wertangemessenen Salärs, wertangemessenen Mitgliedsbeitrages, leistungsangemessener Mitarbeit, etc.) erwartet, der verlangt oftmals anderes: Wohlverhalten, Zustimmung, Anpassung, Gefolgschaft, Widerspruchlosigkeit. Insbesondere wird in diesem Zusammenhang oft das fehlende ehrenamtliche Engagement angesprochen – und damit alles auch ein wenig konterkariert.

Es geht nicht um Geschenke, sondern um „Deals“. Und um Interessen. Grundsätzlich sind nicht sie das Problem, sondern der Umgang mit ihnen! „Umsonst“ oder „fast umsonst“ ist eine Frage des Bewusstseins. Und hier steigt der Nebel oft empor und vernebelt die Sinne bis zu gegenseitiger emotionaler Erpressung mit Totschlagargumenten. Wie im Falle des fehlenden ehrenamtlichen Engagements (das seine Ursachen allerdings auch in ganz anderen Bereichen hat). 

Verantwortliche aus Vereinen und Verbänden sollten sich dringend einmal darüber Gedanken machen, ob der Unterbietungs-Wettbewerb mit monatlichen Vereins- oder Verbandsbeiträgen („Wir im Tischtennis haben noch „moderate“ Beiträge – gegenüber anderen Sportarten“) nicht auch dazu beiträgt, das Image von Tischtennis noch weiter abzuwerten (obwohl es schon im Keller ist)? Und ob möglicherweise Gier und Habsucht in ihren Erscheinungsformen einer „Wenig-Bezahl-Kultur“ („Unsere Mitglieder wollen nur noch konsumieren und sich nicht mehr ehrenamtlich für ihren Verein engagieren“) gefördert werden, weil von ihren Mitgliedern keine angemessene Gegenleistung gefordert wird? 

Die „moderaten“ Vereinsbeiträge haben auch Briefmarkensammler-Vereine und im Ranking des Positiv-Image unserer Sportart muss man auch relativ weit nach unten gehen, um Tischtennis zu finden. Vielleicht verstehen ja dann die Verantwortlichen auch, dass sie just selbst den Zustand zu verantworten haben, den sie andererseits beklagen („Wir werden ja nicht ernst genommen, Fußball ist viel interessanter, unsere Mitglieder wollen keinen Trainer, wir können keine Beiträge anpassen, usw., usf.)!

Diese fast kultivierte Billigkultur in Vereinen beispielsweise ist ansatzweise auch eine Art Todesstoß für Anstand, Moral und Sitte in einer Gesellschaft. Auch der „Tischtennis-Gesellschaft“. Denn die Dinge, die man konsumiert, haben ihren Preis. 

Hierzu ein vielleicht (nicht) ganz lustiges und anschauliches Beispiel, das ich vor kurzem las:

Im Jahr 2017 versteckte die Stadtverwaltung Bochum an Ostern etwa 5000 Eier in ihrem eigenen Stadtpark, um Kindern eine Freude zu machen. Doch die meisten Eier waren in den frühen Morgenstunden weg – … von Erwachsenen geklaut, die mit Taschen und Säcken abends und in der Nacht vorstellig wurden. Hier meinten Menschen, sie müssten für „Gerechtigkeit“ sorgen … und klauen kleinen Kindern die Ostereier!

Es lässt sich nicht verleugnen, dass hier der Verdacht im Raum steht, es ginge also um ein latent verbreitetes Gefühl der Benachteiligung, um wahre, oft aber auch bloß gefühlte Ungerechtigkeit. So wie z.B. die Frage: Werde ich als Tischtennis-Verein ignoriert? Als Tischtennis-Trainer(in) übersehen oder nicht wertgeschätzt? Werden andere Sportarten oder Fitness-Studios bevorzugt? Bekomme ich meine Mitglieder und Kunden? Oder reißen die anderen Sportarten sich alles unter den Nagel? Das sind die Ängste, die die momentane Billig-Kultur im deutschen Tischtennis mit Energie versorgen. Die Dinge, die man konsumiert, haben allerdings ihren Preis. Das wussten bedauerlicherweise die Menschen in Bochum nicht mehr, die frühmorgens den Kindern die Ostereier klauten…

Was ist also in einem Verein der Preis für „nur Tischtennis-Spielen“, „Spielen in einer Mannschaft“, Nutzen der Halle mit ihrer zur Verfügung gestellten Energie (Heizung, Warmwasser, Reinigungspersonal), der Tische, der Netze, der Spielfeldumrandungen, der Zählgeräte, der Trainings- und Wettkampfbälle, möglicherweise Training mit qualifiziertem Trainer, etc.? Welches sind die realen Kosten, die dort entstehen? Alles natürlich beantwortet im Kontext zur Option einer Tischtennis-Spieler-Gesellschaft von Eierdieben …

Ganz unabhängig von realen Einkommensbedingungen: Was treibt Menschen dazu, die – ob ehren-, neben- oder hauptamtliche – Leistung von Vereinen und Trainern quasi für einen Monatsbeitrag von € 1,- bis € 8,- zu erwarten?

Es ist die abhanden gekommene Fähigkeit, den Wert von Dingen, Dienstleistungen und Sachen richtig einschätzen zu können, um einen normalen Realitätssinn zu entwickeln – gekoppelt mit ökonomischer Vernunft. Das war früher einmal eine bürgerliche Tugend. Oder war es bereits „Schnäppchen-Mentalität“?

Eindeutige Tarife und klare Werte sind notwendig. Bei Vereinen und Trainer(inne)n. Das Selbstverständnis unserer Gesellschaft fordert für gute Arbeit guten Lohn unter klaren, vertraglich und gesetzlich geschützten Rahmenbedingungen. Das gilt auch bei uns. Nicht freundliche Worte sind maßgebend, um falschen Respekt, Großzügigkeit oder Altruismus, wie er gerne vereinsseitig von ihren Vertretern als „Moralkeulenargument“ vorgebracht wird, vorzugaukeln. Es geht um nichts anderes als einen Deal. Um ein Geschäft. Auch im Verein. Punkt.

Wenn ein Trainer seine Erfahrung, seine Arbeitskraft verkauft und zur Verfügung stellt sollte er dafür einen angemessenen Tarif pro geleistete Zeitstunde erwarten dürfen, einen angemessenen Preis für seine erworbene Lizenz und seine Erfahrung erzielen können. Und zwar einen, der nicht vom Zufall wie Sponsoren ja oder nein, finanziellen Möglichkeiten eines Vereines oder Verbandes oder sonstigem „Geldsegen“ abhängt, sondern Ergebnis einer verbindlichen Vereinbarung war und ist, die seine Leistung als Person widerspiegelt … und nicht die finanziellen Möglichkeiten seines Auftraggebers! Einer Vereinbarung, in der der beiderseitige (!) Profit erzielt wird … beim Trainer, aber eben auch beim Spieler und beim Verein! Wenn ein Verein oder Verband diese „wertvollen Mittel“ nicht hat oder generieren möchte, von seinen Mitgliedern auch nicht einfordert oder ihnen die Gelegenheit zur Zahlung anerkennenswerter Beiträge zu zahlen, ist keine Vereinbarung möglich. Punkt. Mit allen daraus folgenden Konsequenzen!

Es gibt hierzu allerdings strategisch kluge Möglichkeiten, dies ohne Belastung eines Vereinskontos umzusetzen.

Gerechtigkeit? Wie lässt sie sich definieren? Ich denke in etwa so: Ich tue was für Dich, Du tust was für mich – und zwar nach klaren Regeln und einer verbindlichen Preisliste. Der gerechte Lohn und das gute Geschäft sind gut für alle Beteiligten. Und momentan leider im deutschen Tischtennis nicht vorhanden oder schwer unterschätzt. Diese emanzipierte Haltung, die das Denkschema aller Trainer(innen) widerspiegeln sollte, wird vermisst. Aber auch alle Vereinsverantwortlichen müssen wissen: Ein Preis, ein klar definierter Wert – egal ob Stundensalär für den Trainer oder Monatsbeitrag für Vereinsmitglieder – sorgt für Ordnung in den Beziehungen. Was nichts kostet, ist nichts wert – für Menschen gilt das genauso wie für Güter und Dienstleistungen, Ideen und Projekte.

Das „Moralisieren“ in unseren Vereinen gegen angemessene Mitgliedsbeiträge ist scheinheilig. Und emotionale Erpressung, um keine Verantwortung dafür übernehmen zu müssen, dem eigenen Verein ein zeitgemässes Gesicht und ein zeitgemäßes Image geben zu müssen, wie es einem modernen Verein des Jahres 2021 entsprechen sollte. Es basiert darauf, dass die meisten Menschen nie gelernt haben, ökonomisch zu denken und auch zu handeln. 

In unserer „Tischtennis-Kultur“ – im Gegensatz zu unseren konkurrierenden Rückschlag-Sportarten – ist Geld noch immer verdächtig, emotional sensibel und negativ besetzt. Viele Vereine, aber auch viele Trainer(innen) schämen sich, ihren Preis zu nennen. Über Geld spricht man nicht, da heißt es im Tischtennis immer noch: „Zu teuer“ – und das als Killerargument. Weil man ja zeitgleich gar nicht sagen kann, wo denn der Mittelwert liegt, mit dem diese Aussage „zu teuer“ zu untermauern wäre und ob man es denn bezahlen würde, wenn man das Geld hätte! Man denkt nicht über seinen Wert nach. Geld ist immer noch irgendwie schmutzig, verdirbt den Charakter. Und deshalb beendet man hier eine Diskussion.

Tatsächlich ist es umgekehrt. Nicht gute Worte oder Almosen bezahlen einen selbstständigen, selbstbewussten und selbstbestimmten Menschen oder eine selbstbewusste Organisation. Der/die ist/sind davon nicht abhängig. Sie nehmen nicht, was ihnen zugestanden wird, sondern was sie wert sind. Und da sollten sie ihren Wert kennen … Charakter formt sich durch Persönlichkeit, durch Selbstbewusstsein und ein gesundes Selbstwertgefühl. Das Gegenteil aber, die buchstäbliche Bescheidenheit, führt nur in den Opportunismus und in die Abhängigkeit: „Wes Brot ich es, des Lied ich sing“. Der perfekte Untertan ist jener, der aus Überzeugung mitmacht („Die anderen machen es ja auch so“). Helfershelfer bei dieser Denke ist die weit in unserer Sportart verbreitete Ahnungslosigkeit vieler Entscheidungsträger.

Preis und Wert dürfen niemals entkoppelt werden. Deshalb ist es so wichtig, dass Vereine und Verbände darauf achten, dass dies von ihren Mitgliedern nicht als selbstverständlich hingenommen wird, Trainer darauf achten, dass der Gegenwert Ihrer Arbeit nicht selbstverständlich ist. Denn das Selbstverständliche wird ganz schnell kostenlos …. Realitätssinn entsteht hier ausschließlich durch Kostenbewusstsein und Kostenwahrheit. Und dies hat nichts, aber überhaupt nichts mit Sparsamkeit zu tun. Das “Billigdenken” hält Vereine, Verbände und Trainer von der Realität fern, weil es uns vor der Einschätzung, welchen Wert die Dinge haben, abhält. Deshalb überlassen z.B. viele Menschen ganz oft anderen die Kontrolle über ihr Leben, statt selbst zu entscheiden. Zu wissen, was die eigenen Dienstleistungen wert sind, sollte eine Tugend sein. Es ist aber momentan so etwas wie Bewusstlosigkeit …

Vereine und Verbände, die mit Verweis auf ihre geringen Monatsbeiträge auch mit eine solche Anspruchshaltung gefördert haben, die wir bis heute beobachten, sollten noch einmal in Ruhe nachdenken, was ihre Arbeit wirklich wert ist. Wer nichts oder nur wenig bezahlt, gewinnt nichts. Im Gegenteil. Interessen werden selten offen deklariert. Im Internet gibt es ebenso wenig umsonst wie in Vereinen und Verbänden. Aber im Sport nutzen leitende Führungskräfte aus Vereinen und Verbänden die vorhandene „Kostenlos-oder Billig-Illusion“ dazu, soziale Akzeptanz herzustellen. So entstehen natürlich Scheinriesen erster Ordnung wie beispielsweise: („Der Verein hat einen sozialen und gemeinnützigen Auftrag!“)

Dass man nur geben kann, wenn man davor genommen hat, wird elegant verdrängt. Man würde ja sonst unselig enden… also ist es vorteilhaft, sich als „Institution“ darzustellen. Niemand redet von Geschäften. Alle wollen nur etwas Gutes tun. Das Problem liegt nur darin, dass sich niemand mehr fragt, was diese Kostenlosigkeit einen Verein, einen Verband und damit unsere Sportart kostet …

In Deutschland findet in weniger als 40% aller Vereine Nachwuchsarbeit statt. Es wird nicht angeboten, nicht organisiert, nicht finanziert. In etwas mehr als 60% aller Vereine lässt sich eine Überalterung der Mitglieder in Vereinen und ihren Vorständen feststellen. Muss man ein Prophet sein, um vorherzusagen, was dies den deutschen Tischtennissport künftig kosten wird?

Mit den Kosten meine ich hiermit nicht nur den monetären Ausfall, sondern eben auch den zunehmenden Verlust an Entscheidungsfähigkeit im eigenen Verbands- und Vereinsleben. Wer die Kosten seines Handelns nicht kennt, weiß auch nichts über dessen Folgen. Alles wird beliebig. Oder wie man es früher auch nannte: entwertet. Und dann kommt die Sintflut … nämlich die nach mir …. Nicht nur einzelne Landesverbände, sondern der gesamte deutsche Tischtennissport steht vor einer riesigen Entwertung, die sich auch schon seit mehr als 30 Jahren vollzieht, schaut man sich die Mitgliederentwicklung in ganz Deutschland an.

Was wir in Deutschland brauchen ist ein sportethischer Diskurs, der zum Ziel hat, den Menschen in Vereinen und Verbänden im Tischtennis zu verdeutlichen, welche Kosten ihre Politik der kleinen Monats-Beiträge verursacht, dass Vereine und Verbände, die dies immer noch praktizieren, „wie aus der Zeit gefallen wirken“. Und zwar nicht etwa – wie dies oft mit einer Art Totschlagmentalität oft behauptet wird „um das Soziale aus dem Verkehr zu ziehen, Schwächere zu benachteiligen“ – sondern genau wegen des Gegenteils: … um es zu ermöglichen!

In einem Land wie Deutschland, in dem vor allem die Kinder besser finanziell ausgestatteter Eltern studieren und die Studiengebühren lächerlich niedrig sind (oder gar nicht existent), zahlt die Physiotherapeutin, die ihre Ausbildung oftmals noch selbst finanziert hat, dem wohlhabenden Akademikerkind die Uni. Diese Ungerechtigkeit dient dann einer vermeintlichen Gerechtigkeit. Man muss nur behaupten, dass Studiengebühren die Kinder armer Leute benachteiligen, obwohl man mit einem funktionierenden Gebührensystem deren Studium durch Stipendien hervorragend finanzieren könnte. Genauso funktioniert die Argumentation für noch immer absurd lächerlich niedrige Monatsbeiträge in Tischtennis-Vereinen oder Tischtennis-Abteilungen von Sportvereinen. Mit einem funktionierenden zeitgemässen Beitragssystem in Vereinen und Verbänden – gekoppelt an entsprechend differenzierte Strukturen in Training und Wettkampf – ließen sich schätzungsweise 100 – 150 hauptamtliche Tischtennis-Trainer(innen) in Deutschland auf Vereinsebene beschäftigen, die eine solide Grundausbildung, eine höhere Mitgliederzahl sowie „mehrere Dimas, Timos und Patricks“ produzieren könnten. Und Jörg Roßkopf wäre auch zufrieden … 

Vereine und Verbände in Deutschland verfügen momentan über ein Arsenal moralischer Begründungen zur Verteidigung Ihrer „Wertvorstellungen“. An dieser Stelle darf auch festgehalten und kritisch angemerkt werden: diese moralischen Begründungen – meist generationsübergreifend weitergegeben und übernommen – sabotieren eine notwendige Transparenz, verhindern eine notwendige Offenheit, die in diesen Tagen notwendig wäre. Letztlich geht es nur um „soziale Bemäntelung“. Insbesondere in Deutschland, in dem eine hohe Harmoniesüchtigkeit besteht und wenig konstruktive und streitbare Auseinandersetzung mit Sachargumenten Tradition hat, ist dies dann ein idealer Nährboden hierfür.

Gerechtigkeit hat aber ihren Preis. Sie ist nicht umsonst. Und ein guter Preis ist gerecht!

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