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Tischtennis braucht ein wichtiges Update – jetzt! (Teil 2)

Corona ändert vieles. Und deckt viele bisherige Alibis und Schwachstellen auf. Mit den Werkzeugen von gestern sind die Probleme von morgen in unserem Sport deshalb nicht mehr zu lösen. Das bisherige Denken ist ein großer Teil unseres Problems. Zeit für einen kritischen Blick auf die Dinge, die sich in Deutschland ändern sollten. Und auf die Frage, was uns die Zukunft unseres Sportes wert ist.

von

Thomas Dick, Dannenberg

(Teil 2)

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Im zweiten Teil meines Artikels zu Veränderungsnotwendigkeiten unserer Sportart geht es um „Regeln für unsere Regeln“ und einem einheitlichen Spielsystem für unsere Sportart in ganz Deutschland.

3. Schaffung einer funktionierenden Judikative der Verbände auf allen Ebenen des Wettkampfbetriebes

Eine Sportart, die die Einhaltung Ihrer eigenen Regeln nicht durchsetzen kann, ist eine auslaufende Sportart. Warum sind wir nicht in der Lage, unser eigenes Regelwerk auf allen Ebenen durchzusetzen?

„…Jeder Sporttreibende muss die konstitutiven Regeln befolgen und sich darauf verlassen können, dass sich die anderen entsprechend verhalten  … Wer am Sport teilnimmt, muss quasi ein Versprechen abgeben, dass er die Mitgliedschaftsregeln des Sportsystems (Regelwerk) einhalten wird. Dies wiederum bedeutet, dass im Sinne einer vorgeschalteten Regel für unser Handeln im Sport formuliert werden kann: Jeder Sportler muss davon ausgehen, dass sein Partner ebenso aufrichtig bemüht ist, die konstitutiven Regeln des Sports einzuhalten wie er selbst.“  (Prof. Helmut Digel, aus „Sport quergedacht“) 

Was aber, wenn ein Großteil aller Tischtennis-Spielerinnen und -Spieler die aktuellen Regeln nicht oder nur unzureichend kennt („Ich habe mal gehört, das ist so und so …“)? 

Was wenn es in der unteren Hälfte aller Spielklassen und Turniere in unserem Sport gar keine ausgebildeten Schiedsrichter gibt, die unsere Regeln und ihre Einhaltung durch alle Spieler(innen) kontrollieren und durchsetzen? 

Die Antwort ist klar: die Regeln können und werden nicht angewendet und ihre Einhaltung wird nicht mehr eingefordert … es entstehen immer wieder und immer öfter viele „Streitfragen“. Mit fatalen Konsequenzen. Das Image als langweilige Sportart, die nicht ernst genommen wird, weil sie sich nicht selbst ernst nimmt, wird zementiert. Auch werden Schiedsgerichte immer häufiger angerufen. Die Praxis in mindestens der Hälfte aller Spielklassen in unserem Sport sieht aus: Es gibt Ligen, in denen nur noch nach „Gewohnheitsrechten“ gespielt wird; getreu dem Motto: „Wir sind doch hier nicht in der Bundesliga“ oder „Das haben wir ja noch nie so gemacht“. Killerphrasen als Sachargumentation!

Viele Spieler(innen) trauen sich nicht mehr, auf die Einhaltung der Regeln zu bestehen, weil sie schnell als „Spielverderber“, „Streitsucher“ oder „Betrüger“ abgestempelt werden. Und dies umso deutlicher, je weniger Schiedsrichter mit offiziellem Titel auch tatsächlich zu diesen Spielen anwesend sind … 

Durch meine Erfahrung und unsere praktische Arbeit in ganz Deutschland würde ich bei vorsichtiger Schätzung zu dem Ergebnis kommen, dass im besten Falle 25% aller Spielerinnen und Spieler regelfest sind. Schiedsrichter, die dieses „Bildungsdefizit“ durch die Anwendung der aktuellen Regeln beheben könnten, fehlen bei den Wettkämpfen. An Vereine zu appellieren, dass sich alle ihre Spieler(innen) selbst regelkundig machen und sie gar ihre Spieler(innen) in den elementaren und wichtigen Fragen schulen, wäre nur ein Tropfen auf einen Stein – egal ob der heiß oder kalt wäre.

Schiedsrichter, die bei einem relativ komplizierten und oftmals „individuell auszulegenden“ Regelwerk wie im Tischtennis in fast allen Wettkämpfen auf unterer und mittlerer Ebene fehlen, erzeugen damit automatisch eine „Parallel-Welt mit eigenen Regeln“. Wo aber nach Gewohnheitsrechten anstelle nach gültigen Regeln gespielt wird, ist eine Sportart fast nichts mehr wert bzw. verliert ihre Glaubwürdigkeit („Vor Spielbeginn Ball unter den Tisch, wer richtig tippt hat Aufschlag!“ (wahrscheinlich eine Schwimmbad-Regel, die 1958 einmal in einem hitzigen Sommer irgendwo angewendet wurde … und dann ihren Siegeszug in die Tischtennis-Welt unternahm)).

Gleichzeitig erheben allerdings viele Landesverbände eine „Ordnungsstrafe“ für ihre Vereine dafür, wenn sie keinen Anwärter zu einer Schiedsrichterausbildung schicken – und versuchen damit Druck auf diesen unbefriedigenden Zustand zu machen. Trotz dieser Ordnungsstrafen – die ja im Sinne der Strafe für „kreative Lösungen des Problems“ eingesetzt werden könnten (oder im besten Falle sollten?) – ist seit Jahren am System der fehlenden Schiedsrichter keine Änderung zu erkennen? Nichts! 

Spielerinnen und Spieler – wenn sie dann einmal mit einem Schiedsrichter (und wenn auch nur mit einem „Zähl- oder Hilfsschiedsrichter mit Tatsachenentscheidungsbefugnis“, der zumeist aus der eigenen oder gegnerischen Mannschaft kommt) in Kontakt kommen – nehmen diesen Schiedsrichter oft nicht als „Sportler“ wahr. Stattdessen sehen sie ihn als „Bestrafer“ und werfen ihm/ihr schnell Parteilichkeit vor. Dabei ist ein unabhängiger Schiedsrichter integraler Bestandteil des Spiels … und muss es auch sein! Aber: in welcher anderen Sportart ist es gang und gäbe, dass eine am Wettkampf beteiligte Partei einen für diesen Wettkampf „unabhängigen“ Schiedsrichter stellt? Und das auch noch, ohne dass in den meisten Fällen diese Spieler(innen) auch noch die Regeln exakt kennen? 

Ewiger „Mega-Streitpunk“ Aufschlag

4. Schaffung eines einzigen und einheitlichen Spielsystems in ganz Deutschland für Mannschafts-Wettkämpfe durch die Verbände auf allen Ebenen des Wettkampfbetriebes 

Aus wie vielen Spielern sollte eine Mannschaft bestehen, um einen sinnvollen Mannschafts-Wettkampf zu spielen? 

3er-, 4er- oder 6er-Mannschaft???

In allen Landesverbänden und ihren unterschiedlichen Spielklassen wird diese Frage seit über 30 Jahren unterschiedlich beantwortet … 3er, 4er, 6er-Mannschaft … viele verschiedene Spielsysteme in ganz Deutschland, die offenkundig nur ein Ziel haben: Möglichst ständig in jeder Ecke Deutschlands Konsens und Harmonie zu erzielen, niemanden weh zu tun, es allen recht zu machen, unterschiedlichen „Bedingungen“ gerecht zu werden. Aber scheinbar wird nicht das Ziel verfolgt, ein „erkennbares Charakteristikum“ zu schaffen, etwa ein einheitliches Spielsystem für Mannschaften, damit sich alle Tischtennisspieler(innen), die Öffentlichkeit, potentielle Sponsoren, Trainer(innen), Nachwuchsspieler(innen) endlich an ein durchgängig in ganz Deutschland geltendes Spielsystem gewöhnen können. Bei dem – beispielsweise – der Wettkampf auch nach maximal 120 – 150 Min. mit einem attraktiven System beendet ist. Und dass unserem Sport sicher einmal ein durchgängiges System und ein stabileres Image verschaffen würde. Vielleicht sogar mehr Mädchen und Frauen animieren könnte … Veränderung? Derzeit keine in Sicht! 

Alle einzelnen Spielsysteme haben Vor- und Nachteile. Diese sind jedoch nicht relevant, solange es keine Einsicht in die allgemeinen Vorteile einer bundesweiten Einheitlichkeit für Tischtennis als Mannschaftssportart gibt. Zu diesen zählen vorneweg ein Akzeptanz-Plus, ein Imagegewinn, eine relative Planbarkeit, Mannschaftsinteresse vor partikularen Einzelinteressen, bessere Vermarktbarkeit, u.e.m.. Denn: 

Der Tischtennis-Wettkampfsport im Mannschaftsspielbetrieb ist ein sehr ambivalentes Phänomen. Denn so wie er sich konstituiert, ist in ihm selbst immer auch schon die Gefährdung seiner eigenen Grundlagen angelegt; auch und besonders durch die o.a. fehlende Judikative und ein bundesweit einheitliches System. Der Fairness (die von vielen Spielern vertreten wird) steht oft auch die Unfairness (von nicht weniger Spielern) gegenüber. Regeln können befolgt werden, gegen Regeln kann verstoßen werden (und wird ständig verstoßen). Betrachten wir die aktuelle Situation des Tischtennis- Mannschaftsspielbetriebes und dessen vielfältige Spielsysteme in Deutschland etwas genauer, so müssen wir erkennen, dass sich die Gefährdungen in den letzten Jahren vervielfacht haben, ja dass man von einer Gefahr der Selbstzerstörung des Mannschafts-Spielbetriebes sprechen könnte: Immer weniger Mannschaften, in allen Alters- und Spielklassen. Einige der Gefährdungen können auf eine lange Tradition verweisen (es wurde bei Vereinen immer schon nur in Mannschaften gerechnet) und es scheint so zu sein, dass die für den Mannschafts-Spielbetrieb Verantwortlichen diesen Gefahren nur wenig gewachsen sind … eben weil es seit 30 Jahren hier und da ständig Änderungs- und Forderungswünsche nach anderen Spielsystemen gibt … und sich die Büchse der Pandora ständig öffnet.

Das wohl wichtigere Problem des modernen Mannschafts-Sportes Tischtennis ist darin zu sehen, dass schon in den Anfängen die aktiven Spielerinnen und Spieler eigene Partikularinteressen eingebracht haben, die aus einer bestimmten Perspektive betrachtet deutlich als Fremdinteressen (z.B. der Vereine oder Trainer) zu bezeichnen sind. Mannschaftsport im Spielbetrieb lebt allerdings ohne jegliche Eigeninteressen und wird so betrieben, dass die Interessen Einzelner über ihn hinausführen. Auf diese Weise treffen und messen sich auch heute noch Kinder und Jugendliche bei Wettkämpfen überall auf der Welt. Auf diese Weise werden auch von der großen Mehrheit aller wettkämpfenden Sportarten Wochenende für Wochenende Wettkämpfe durchgeführt.

In unserer Sportart spielen etwa 75% aller Mannschafts-Teams in der unteren Ligenhälfte an den Wochentagen Montag – Freitag. Eingefräst mit Hauptargumenten wie: „Wenn ich am Wochenende spielen müsste, würde ich aufhören“ oder „Am Wochenende ist die Halle schon belegt“. Gibt es ein schöneres Beispiel dafür, wie das Einzelinteresse unsere Idee des Mannschaftssportes kaputt macht? Warum funktioniert dies in allen anderen Sportarten anders? Warum werden Fußball, Handball, Volleyball, Basketball, Turn- oder Schwimm-und Reit-Wettkämpfe am Wochenende ausgetragen? Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie lange unsere Sportart es verpasst hat, das Wochenende nicht nur für Turniere, sondern auch für den Mannschafts-Spielbetrieb zu entdecken. Ohne Partikularinteressen in den Vordergrund zu stellen… 

Das ideale Spielsystem? Ich kenne es auch nicht. Aber ich sympathisiere mit einer netten Vorstellung davon, wie ein guter Wettkampf im Mannschaftsbereich aussehen könnte, der organisatorische, mediale und soziale Aspekte besser miteinander verknüpfen und Mannschafts- Wettkämpfe einer Individual-Sportart anschaulicher und ansprechender gestalten könnte: 

  • 3 Spieler(innen) bilden eine Mannschaft – Es wird an einem Tisch gespielt. Ein Doppel vorweg, dann Einzel (bis zum vierten oder fünften Punkt für ein Team)
  • Der Mannschafts-Wettkampf ist nach spätestens 2 1⁄2 Stunden beendet
  • Spieltag und -zeit: Samstag, 15:30 Uhr oder Sonntag, 10:00 Uhr 

Der dritte und letzte Teil befasst sich mit der Anerkennung und Notwendigkeit fachlich qualifizierten Trainings und professionalisierter Trainingsarbeit als Unterstützung zu einem deutlichen Strukturwandel in unserer Sportart. Dieser erscheint etwa Ende August 2020.

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