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Tischtennis-Deutschland braucht ein wichtiges Trainer-Update – jetzt!

Corona ändert vieles. Und deckt viele bisherige Alibis und Schwachstellen auf. Mit den Werkzeugen von gestern sind die Probleme von heute und morgen in unserem Sport deshalb nicht mehr zu lösen. Das bisherige Denken in Vereinen und auch in Verbänden ist ein großer Teil unseres Problems – weil es sich nicht verändert. Zeit für einen kritischen Blick auf die Dinge, die sich dringend ändern sollten. Und die Frage, was uns die Zukunft unseres Sportes wert ist. Insbesondere in Bezug auf unsere Trainer(innen), die überwiegend für die Ausbildung des Nachwuchses zuständig sind.ein wichtiges Trainer-Update – jetzt!

von

Thomas Dick, Dannenberg

(Teil 3)

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Im dritten und letzten Teil meines Artikels zu Veränderungsnotwendigkeiten unserer Sportart geht es um die Anerkennung fachlich qualifizierten Trainings als dringend benötigte Unterstützung sowie als Grundlage eines Strukturwandels in unserem Sport. Ein heikles Thema. Allerdings eines mit vielen relevanten und plausiblen Aspekten …

Die Situation „Professioneller oder semiprofessioneller Tischtennis-Trainer“ in Deutschland

Ich möchte zunächst einen Blick auf die Situation hauptberuflicher Trainer(innen) werfen und mir diesen einmal etwas näher anschauen. Wenn ich hier die ehrenamtliche oder teilzeitbezahlte Arbeit von Trainer(inne)n explizit nur am Rande erwähne, liegt dies zunächst an Grundsätzlichem, was beide Bereiche (professionell und nebenberuflich) trennt. Es bedeutet ausdrücklich nicht, dass sie nicht die gleiche Wertigkeit hätten. Ganz im Gegenteil. Die hauptberufliche Arbeit von Trainer(inne)n in Deutschland soll deshalb beispielhaft vorangestellt werden, weil sie am besten darstellen kann, an welchen Punkten es trotz fachlich guter und hochwertiger Expertise mangelt und wo es Reibungsverluste gibt, die nicht notwendig wären. Diese Probleme tauchen sicherlich auch bei ehrenamtlicher oder nebenberuflicher Arbeit auf und es gibt dort noch ganz spezielle Probleme (Stichwort: „Schwierige Kinder und Jugendliche“). Während dort allerdings eigenverantwortliche Entscheidungen ohne größere Einkommensverluste getroffen werden können, ist dies bei professionell organisierten und vollzeitbeschäftigten Trainern kaum möglich.

Ich propagiere bereits seit langem die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen professionellen und besonders ehrenamtlichen/nebenberuflichen Trainer(inne)n an der Basis, in den kleinen und mittleren, den großen und renommierten Vereinen in Deutschland. Diese fehlt bis heute, spielt allerdings eine enorm wichtige Rolle für die sportliche Entwicklung von Vereinen (Breitensport) und Verbänden (Leistungssport). Wir haben alle eine Verantwortung für die (fachlich gute) Arbeit an der Basis – sofern sie denn Bestandteil der eigenen Vereins- und Verbandsphilosophier sein sollte. Und sofern man sich darüber einig werden kann, dass dies eine unabdingbare Voraussetzung dafür ist, eine deutliche Trendumkehr beim anhaltenden Mitgliederverlust und eine Qualitätssteigerung in der Nachwuchs-Leistungsarbeit zu verzeichnen.

Damit wären vor allem zwei Zielgruppen in der Verantwortung: Ehrenamtliche Vorstände aus Landesverbänden und/oder Vereinen sowie hauptberufliche Kolleginnen und Kollegen. Alle wären mit in der Verantwortung, sich um die ehrenamtlichen und nebenberuflichen Kolleginnen und Kollegen zu kümmern, die an der Basis arbeiten, deren zeitgemäße Weiterbildung in Vereinen direkt in der Praxis zu gewährleisten und mit ihnen zusammenzuarbeiten.

„Wozu brauchen wir einen Trainer? Hatten wir noch nie …!“

Fragt man erfolgreiche Spielerinnen und Spieler, wem sie ihren Erfolg in erster Linie zu verdanken haben, so sind die Antworten nahezu übereinstimmend. Am Anfang und an erster Stelle des sportlichen Erfolges stehen die Angehörigen, an zweiter Stelle steht ohne jegliche Konkurrenz die bedeutsamste Funktionsrolle im System des Hochleistungs-, Leistungs- oder Breitensports: die Rolle des Trainers. Die Trainer – darüber sind sich alle Experten einig – sind das unverzichtbare Fundament sportlicher (Höchst-)Leistungen. Gewiss gibt es einige Spielerinnen und Spieler, die auch ohne Hilfe eines Trainers erfolgreich sein können. Dies gilt insbesondere für erfahrene Athleten, die nicht selten auf eine Trainerbetreuung gegen Ende ihrer – Karriere verzichten. Dabei darf jedoch nicht verkannt werden, dass sie alles, was sie sind, letztlich und in erster Linie ihren Trainern zu verdanken haben. Punkt.

Trainer(innen) im Tischtennis – egal auf welcher Ebene und in welchem Umfang und möglichen Professionalisierungsgefüge sie arbeiten – spielen immer eine herausragende Rolle; sofern sie fachlich, pädagogisch, psychologisch und sozialkompetent gute bis sehr gute Arbeit leisten. Schauen wir einmal auf die Bedeutung, die dem Beruf des Tischtennis-Trainers in der Arbeitswelt unserer Gesellschaft und im Gesamtgefüge unserer eigenen Vereins- und Verbandsstrukturen zukommt.

Zum einen bewegt er sich in problematischen Anspruchs-Diskrepanzen im System des Hochleistungs-, Leistungs- und auch Breitensportes („Wir brauchen Trainer, aber wer soll sie – angemessen – bezahlen?“) in sehr oft gleichzeitig noch veralteten Strukturen in unseren Vereinen und Verbänden. Auf der anderen Seite unterliegt man als qualifizierter Tischtennis-Trainer einem nicht unerheblichen „Berufsmakel“ – nämlich dem, ein Trainer in einer kaum anerkannten Sportart und eine „reine Kostenstelle“ zu sein. Anders wären Einwände wie „Brauchen wir nicht, haben wir noch nie gebraucht“ oder Hatten wir, brachte nichts!“ oder auch „Können wir nicht bezahlen!“ kaum zu erklären. Bestenfalls noch mit Neid. Selbst in einigen gut organisierten Vereinen in Deutschland besteht der Verdacht, dass ein (guter bis sehr guter) Trainer nur Kosten produziert und der Nutzen in keinem Verhältnis stünde.

Das Berufsbild des Tischtennis-Trainers ist also nicht nur unklar, seine quasi-beruflichen Tätigkeiten sind daher auch in den eigenen Sportart-Strukturen äußerst riskant, die Honorierung der erbrachten Leistung nicht selten ungerecht und unterbewertet und die Zukunft dieses Berufes ist höchst ungesichert.

Erschwerend kommt hinzu, dass es innerhalb der Trainer-Gemeinschaft in unserem Sport etwas mehr Solidarität bedarf; sowohl zwischen ehrenamtlichen und nebenberuflichen wie auch nebenberuflichen und hauptberuflichen Kolleginnen und Kollegen. Berührungsängste sollten hier nicht bestehen. Auch wenn machmal „gefühlte soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit“ Im Raum schweben sollte: es sollte die sozialen Beziehungen der Trainer(innen) untereinander nicht belasten. Bedauerlicherweise gibt es noch hier und da Kolleginnen und Kollegen, die ungern mit Vereinstrainern oder denjenigen sprechen, die Kreis- oder Bezirks-Stützpunkte leiten und mit denen sie gut zusammenarbeiten könnten (selbstverständlich ist das nur ein geringer Teil der Realität, aber immerhin …). Hauptberufliche Trainerverträge in Verbandsstrukturen oder auf Bundesebene sollten Möglichkeiten enthalten, Basis-Wissen zu ergänzen – neben der umfassenden wissenschaftlichen und fachpraktischen Ausbildung, die der Deutsche Tischtennis-Bund und seine Landesverbände anbieten.

Und dennoch seien die Fragen erlaubt: Wie kann so etwas sein, außer dass es so gut wie keine Kontrollinstanzen für lehr- und leistungsfördernde Strukturen gibt? Wie kann es sein, dass es Landesverbände in Deutschland gibt, die die Leitung eines Turniers als Fortbildung für eine Trainer-C-Lizenz Tischtennis anerkennen?

Die Ausbildung zum „Trainerberuf Tischtennis“ (gleich welche sportwissenschaftliche oder auch sportpädagogische Basis neben der fachlichen Eignung vorliegt) ist unter fachlichen Gesichtspunkten qualitativ so gut wie gar nicht abgesichert; und damit auch so gut wie nichts wert. Eine wirkliche akademische Anerkennung des Berufs des Trainers gibt es nicht (auch nicht als ausgebildeter Diplomtrainer). Und von einer systematischen Fortbildung aller ausgebildeter Trainer(innen) ist ebenfalls kaum etwas zu merken.

Erkundigt man sich, welche deutschen Trainer international in einen fachlichen Dialog eingebunden sind, wie viele Trainer regelmäßig internationale Fachorgane zu den fachlichen Problemen ihrer Sportart lesen, welche und wie viele Trainer trainingswissenschaftliche, biomechanische und sportmedizinische Basisliteratur zu den jeweiligen Anforderungsprofilen ihrer Sportart zur Kenntnis nehmen und welche Trainer internationale Trainerkongresse besuchen bzw. regelmäßig in nationale Fortbildungsprogramme eingebunden sind, so wird man sehr schnell erkennen, dass dabei nur von einer verschwindend kleinen Minderheit die Rede sein kann. Die Mehrheit s o l l t e es allerdings sein.

Angesichts dieser Sachverhalte kann es einen eigentlich kaum überraschen, dass bei sportaffinen Schulabsolventen und sportorientierten Abiturienten der Trainerberuf nicht zu ihren Zukunftserwartungen gehört. Fragt man Sportstudierende an deutschen Universitäten, so ist der Berufswunsch des Trainers so gut wie nicht existent. Sport-Management: Ja! Trainer: Eher nein …

Diese nüchterne Betrachtung zur aktuellen Situation des Trainerberufs Tischtennis könnte fortgesetzt werden. Sie müsste gewiss auch noch differenzierter sein. Dennoch traue ich mir ein Urteil schon mit relativer Sicherheit zu: Die Situation des Tischtennis-Trainerberufes in Deutschland ist äußerst kritisch: besonders in unserer Sportart – aber auch in nahezu allen olympischen Sportverbänden – existiert ein Trainerproblem, dessen Lösung dringend geworden ist. Der deutsche Sport ist in Bezug auf den Trainerberuf in eine Krise geraten. Wege in diese Krise haben Politik, Vereine, Verbände und das Desinteresse an Veränderungen gleichermaßen geebnet. Wege heraus sind dringend erforderlich …

Wer sich unbequemen Wahrheiten stellt, hat die Chance, etwas zu verändern

Zwei Fragen bezüglich berufsausgeübter Trainertätigkeit im Tischtennis dominieren heute weitestgehend die Bemühungen um eine ernsthafte Diskussion. Und beide Fragen sind – in meinen Augen – bemerkenswert dämlich. Beide Fragen sind Beispiele dafür, wie man nicht über Training und Trainerbeschäftigung diskutieren sollte. Und hinter beiden Fragen verbergen sich unbequeme Wahrheiten.

Die unbequeme Wahrheit Nr. 1 für viele Trainer(innen):

Nein, Abwertung und fehlende Wertschätzung von

Tischtennis-Trainer(innen) ist nicht lustig!

Über die erste Frage – ob es vertretbar ist, Tischtennis-Berufstrainer in Vereinen (z.B. in Zusammenarbeits-Modellen) zu beschäftigen – wird so gut wie gar nicht diskutiert. Dabei wäre dies ein enorm effektives Zukunftsmodell. Vereinsegoismus, Vorurteile, Halbwissen und fehlende Kompetenz potentieller Kunden oder Arbeitgeber behindern hier vorwiegend eine sachliche Diskussion. Solange Vereine und ihre gewählten, meist ehrenamtlichen Führungskräfte qualifizierter Trainingsarbeit die Existenzberechtigung absprechen und unterstellen, keine vereinspolitische oder vereinsorganisatorische Nützlichkeit zu haben, man mit dem Nachbarverein grundsätzlich nicht kooperiert, und Trainer sowieso noch nie gebraucht worden seien, erübrigen sich hier ernsthafte und seriöse Gesprächsversuche. Viele Vereine reduzieren weiter darauf, dass Trainer nur Kosten produzieren, die von den – zum Großteil noch immer unverhältnismäßig niedrigen – Vereinsbeiträgen sowieso nicht finanziert werden könnten.

Selbstverständlich ist eine solche Gleichsetzung von gültigen Mitgliedsbeiträgen und Gegenleistung eines Trainers nicht vertretbar. Sie ist entwürdigend. Und es ist atemberaubend, mit welchen Argumenten manche Menschen diese extrem abwertenden Zeilen gegenüber Trainer(inne)n verteidigen. Wer das tut, der belegtdie erste unbequeme Wahrheit: Es gibt, gerade auf der vereins- und verbandspolitischen Ebene, eine erschreckend hohe Zahl an (gewählten) Menschen, die blind sind für Abwertung und Ignoranz gegenüber Trainerinnen und Trainern, die diese wichtige Funktion in ein (zumeist selbstständiges) Arbeitsleben übernommen haben. Aber auch an der Basis sollte es keine unentlohnte Trainingsarbeit mehr geben.

Was kann man aktiv tun, dass sich das „Berufsbild Trainer“, die Akzeptanz dieses Berufs oder die Wertschätzung derjenigen, die auf eigenes Risiko in diesem Bereich arbeiten, verändert oder überhaupt wahrgenommen, geschweige denn angesehen wird? Abgesehen davon, dass es ansonsten keinerlei Wertschätzung seitens des Dachverbandes für die wichtige Arbeit der Kolleginnen und Kollegen gibt. Jeder selbstständige Trainer während der seit Monaten andauernden Krise mit enormen Einnahmeverlusten hätte sich wenigstens über ein solidarisches Schreiben oder einen Anruf von seinem nationalen Verband gefreut.

Was kann man dazu beigetragen, dass sich die Wichtigkeit der Trainer oder aktiver Trainingsarbeit in Vereinen und Verbänden, die sich in einem enormen gesellschaftlichen Wandel befinden, so ändert, dass vielleicht sogar ein Mitgliederverlust aufgehalten werden kann? Ich habe meine Bedenken … Stattdessen sind Fakten zu beobachten, die teilweise extrem kontraproduktiv wirken:

  • Es gibt noch immer Trainer(innen), die – selbst in Landes-/Verbandskadern) – ohne oder mit einer geringen (gemessen an ihrer Qualifikation) Bezahlung arbeiten!
  • Es gibt Spieler(innen), die dieses kostenlose Angebot auch noch kostenlos annehmen (und keine Gegenleistung anbieten)!
  • Damit schwindet das Interesse oftmals, weil die Arbeit ja auch nichts wert ist. Trainer, die – ob neben- oder hauptberuflich – entsprechendes Honorar ansetzen, werden umgekehrt als „Geldmacher“ oder „zu teuer“ abgewertet.

Die Realität anzunehmen bedeutet, richtige Arbeit anzunehmen, z.B. Vereinen zu vermitteln, warum Ziele wichtig und richtig sind, wie ehrenamtliche Mitarbeit im Verein erreicht werden kann, wie man zeitgemäß Nachwuchs anwirbt, qualifizierte Trainer findet und beschäftigt, eine moderne Internetseite bekommt oder Tischtennis besser als Sportart vermarktet. Oder auch Vereine auf den enormen gesellschaftlichen Wandel vorbereitet, der gerade unsere Welt dominiert. Da würde sich z.B. anbieten, in Deutschland über eine flächendeckende Professionalisierung nachzudenken und entsprechend qualifizierte Trainer(innen) in Projekten einzusetzen. Stattdessen sind Aktionen zu beobachten, die am „Tagesgeschäft der Vereine“ aufgrund des gesellschaftlichen Wandels völlig vorbeigehen und ins Leere laufen.

Es ist nichts daran in Ordnungt, diejenigen zu ignorieren, die ihnen Mitglieder und Erfolge bringen könnten.Und dass – wer das weiterhin tut – die Grenzen des eigenen Anspruchs-Anstandes aushebelt und sich unglaubwürdig macht! Wir brauchen eine aktive Trainer-Vermittlungsbörse – selbstverständlich kostenfrei für diejenigen, die sie nutzen. Bundesweit! Ohne „outgesourcte Bezahl-Vermittlungsbörse“, die ganz offenkundig nicht funktioniert und seit Jahren die gleichen (wenigen) Einträge verwaltet anstelle aktuell zu sein.

Die unbequeme Wahrheit Nr. 2

für viele Vereine und Verbände:

Wer abstreitet, dass wir ein Trainerproblem

in Deutschland haben, erhöht das Misstrauen!

Die zweite Frage – ob die Passivität von Vereinen und Verbänden eine Mitverantwortung trägt an der derzeitigen Situation – möchte ich hier aufwerfen. Vereins- und Verbandsfunktionäre erklären in aller Regel, dass „Umstände“ schuld daran seien, dass keine qualifizierten Trainer(innen) beschäftigt werden können. Ein beliebtes Argument, bei dem man davon ausgeht, dass es akzeptiert ist. Da liest man dann Sätze wie „Die Gesamtentwicklung im Sport ist aber leider derzeit keine Garantie für eine von allen gewünschte allseitige Entwicklung im Nachwuchsbereich – wir haben trotzdem unsere Möglichkeiten genutzt und Erfolge erzielt.“ oder „Wir haben nur einen ehrenamtlichen Landestrainer und die Finanzen erlauben uns keine großen Sprünge.“

Und das ist mindestens grober Unfug, weil es suggeriert, andere Mächte würden darüber bestimmen, ob man etwas ändern kann oder nicht – unabhängig davon, was man als „Erfolg“ bezeichnet.

Jeder Verein oder Verband hat die Möglichkeit, sich Geld zu organisieren. Sie wissen nicht wie? Dann sollten sie sich damit beschäftigen … Jeder Verein oder Verband hat ebenso beispielsweise das Recht, seine eigene (Nicht-) Entwicklungspolitik zu betreiben. Allerdings gibt es keine Entschuldigungen mehr für „Nichts-Tun“. Wer ernsthaft glaubt, seine eigenen Mitglieder würden in einer hochkomplizierten und komplexen Sportart ein systematisches Training für die Gesamt-Weiterentwicklung nicht für nötig halten, um Freiheit zu rechtfertigen, der belegt vor allem die zweite unbequeme Wahrheit:

Dass es, vor allem unter Vereins- und Verbandsverantwortlichen, (gewählte) Menschen gibt, die blind sind für Missstände innerhalb des deutschen Tischtennis-Sportes und ihres eigenen „Hauses“ – und die auf Gesprächsangebote gar nicht reagieren („Vogel-Strauss-Syndrom“) oder im folgenden Kritik an bestehenden Zuständen nur mit Verleugnen, Verdrängen der Realität und Gegenattacken reagieren. Hier wird also von Reflexion auf Reflex umgestellt …

Wer darauf immer wieder nur antwortet, indem er einen „Generalverdacht“ beklagt, vor dem man ehrenamtlich Gewählte schützen müsse (weil sie ja keine Bezahlung erhalten (und damit ja offiziell auch keine Verantwortung hätten), der tut niemandem wirklich einen Gefallen – weil diese reflexhafte Verteidigung am Ende bei vielen Trainerinnen und Trainern nur das Misstrauen gegen Vereine und Verbände erhöht. Und damit dazu beiträgt, dass es nicht besser wird.

Wir brauchen keine Menschen, die ein fest geschlossenes Weltbild haben und die sich herablassend zu Tischtennis-Trainern äußern. Da sind die Türen dann so verbarrikadiert, dass gar keine Luft mehr von außen hereinkommt. Wir brauchen keine Menschen, die ständig so viel Selbstbestätigung für ihre Thesen, dass alles nur so funktioniert, wie sie es seit Jahren selbst praktizieren, suchen, dass sie alles bedingungslos unterstützen, was halbwegs in ihr Denken passt. Wir brauchen keine Menschen, die dafür bereit sind, alles auszublenden, was drumherum stattfindet oder stattfinden sollte.

Wir brauchen stattdessen tolerante Menschen, wir brauchen dialogischen Diskurs, aber keinen sinnfreien Streit mit Menschen, die sowieso immer Recht behalten wollen. Das bringt niemanden und schon gar nicht unseren Sport weiter. Wir brauchen gute Debatten darüber. Und die sind nun mal unbequem … vor allem weil es auch zusätzlich noch öffentliche Meinungen gibt, die Vorurteile gegen die Arbeit von Honorar- oder Berufstrainern schüren:

Kick it (08.04.2020) (aus einem Forumsbeitrag von „myTischtennis“)

TT Trainer ist eben kein Beruf sondern ein Tingel Tangel Job mit dem man sich ich guten Zeiten gut über Wasser halten kann. In schlechten eben nicht. Außerdem trifft es natürlich viele andere ebenso, obwohl sie mehr können, mehr leisten und im Gegensatz zu Honorartrainern tatsächlich im Leben benötigt und gebraucht werden. Die haben allerdings keine Lobby bei der Journaille. Die H-Trainer sollten da mal etwas mehr SOLIDARITÄT mit der Allgemeinheit zeigen und schön artig wie andere auch ein KFW Darlehen aufnehmen das dann auch wieder zurückgezahlt wird ohne anderen auf der Tasche zu liegen. Nur für einige wenige bedeutet TT die Welt. Bei diesem eingeschränkten Horizont verwundert auch das Gejammer der „armen“ Honorartrainer nicht weiter. Sicherlich eine schreckliche Vorstellung seinen Lebensunterhalt zukünftig mit echter Arbeit verdienen zu müssen. Wisst ihr was im Breitensport passieren wird wenn auf einen Schlag alle bezahlten „Trainer“ wegfallen? Nichts. Alles wie bisher und keiner wird es merken. Der Fortschritt jedes einzelnen ist nach wie vor ausschließlich von Ihm selbst und seinem eigenen Engagement und Talent abhängig. So gesehen hat Corona auch etwas Gutes. Es zeigt die krankhaften Auswüchse in Sport und Medienwelt auf. Sport ist das schönste Hobby überhaupt! Aber eben nur genau das. Berufssport ist ein Witz.“

Wirklich weiterbringen wird den deutschen Tischtennissport die Debatte nur, wenn sie unbequem wird: Wenn also Menschen auf beiden Seiten der gedanklichen Barrikade auf die jeweils andere zugehen. Wenn sie nicht mehr leugnen oder verdrängen, was nicht ins eigene Weltbild vom entweder immerbösen oder heiligen Trainer passt, der „Fake News“ verbreitet. Mit Entweder-Oder geht es nicht voran, nur mit Sowohl-Als-Auch.

Wird der Tischtennissport in Deutschland auch (oder besonders) durch eine aktive Vermittlung von qualifizierten Trainerinnen und Trainern weiterentwickelt? Fördert es (auch oder besonders) das Image des Tischtennis-Trainers in der „Öffentlichkeit“, wenn eine aktive Vermittlung zwischen Trainer(inne)n und potentiellen Auftraggebern stattfindet?

Und wir sollten Interesse an der Beantwortung der Frage haben, warum die eigene Trainerausbildung (inkl. der an Landesverbände delegierte C- und B-Trainer-Ausbildungen) in den letzten 30 Jahren nicht zu einem (deutlichen!) Mehr an Trainerinnen und Trainern in Vereinen geführt hat. Und warum einige Landesverbände wirklich fachlich mindestens „bemerkenswerte“ C-Trainer-Fortbildungen anbieten …

Ein demokratisch geführter Verband sollte beides leisten: Er sollte Trainerinnen und Trainer, die (möglicherweise) ihren Kopf für eine berufliche oder semiberufliche Laufbahn im Tischtennis für die Weiterentwicklung seiner Vereine hinhalten, schützen, so gut es geht. Und er sollte bei seinen Vereinen aktiv dafür werben, qualifiziertes und gutes Training umzusetzen.

Das kann ich im Augenblick nirgendwo erkennen …

Mit guter und sachgerechter Kommunikation fangen Lösungen an …

Hat man sich des Problems versichert, ist man sich des Ausmaßes der Krise bewusst und hat sich darauf geeinigt, dass es so ist, weiß man wovon man redet, so ist es möglich, zu angemessenen Lösungen zu kommen. Auch dabei ist Offenheit und Ehrlichkeit von Nöten. Die Probleme dürfen nicht verniedlicht werden. Es dürfen auch keine falschen Prioritäten gesetzt werden. Vor allem darf man nicht in den üblichen Trott verfallen, in dem lediglich „Kommissionen“ gebildet werden und damit die Probleme auf die lange Bank geschoben werden. Schwierigkeiten dürfen nicht vertagt werden. Kurz gesagt: Das Problem darf nicht auf dem Rücken der Betroffenen selbst ausgetragen werden. Hilfreich hierbei ist eine klare und transparente Kommunikation.

Die wünschenswerten Lösungen liegen dabei dann durchaus auf der Hand.

  • Zu allererst und vor allem sollte begriffen werden, dass das Problem zunächst vorrangig und grundlegend über neue finanzielle Investitionen zu bearbeiten ist. Damit sind nicht zwangsläufig die Bereitstellung von Mitteln gemeint, die dezidiert zu Gunsten der Trainer beschafft werden. Es sollte in Vereinen zu einer Neustrukturierung von angemessenen Vereinsbeiträgen der Vereine kommen, die sich an zeitgleich neu geschaffenen Trainings-Strukturen orientieren (grob: „mit qualifiziertem Training“/„ohne qualifiziertes Training“ – sowohl im Nachwuchs- wie auch im Erwachsenenbereich). Dazu sollte es keine Diskussion mehr darüber geben, ob Trainer einen Mehrwert bedeuten oder nicht (es sei denn sie würden nicht im Sinne dieses Mehrwertes arbeiten). Es sollte eine Selbstverständlichkeit werden, dass die Leistungen der Trainer in vergleichbarer Weise angemessen honoriert werden, wie dies für Berufs-Athleten, Berufs-Manager, Funktionäre und weitere Beteiligte beispielsweise im System des Hochleistungssports die Regel ist. Aber auch im Freizeit- und Breitensport hat qualifizierte Arbeit ihren Gegenwert – und der wird i.d.R. auch honoriert. Vor allem von denen, die davon partizipieren …
  • Zum Zweiten bedarf es einer klaren Definition der Profession des Trainers. Das Berufsbild des Trainers ist im gesellschaftlichen Gefüge der Berufe einzuordnen, zu bewerten und gemäß dieser Bewertung einer gesellschaftlichen Wertschätzung zuzuführen. Diese Diskussion sollte die Tischtennis-Öffentlichkeit führen. Es ist nicht mehr hinnehmbar, wenn als Beruf „Tischtennis-Trainer“ angegeben wird und danach die Nachfrage erfolgt: „Schön! Und was machen Sie beruflich?“ Der Beruf des Trainers muss mit anderen Berufen verglichen werden und es sollte die Frage nach der angemessenen und gerechten Bewertung gestellt sein. Auf der Grundlage dieser bewertenden Einordnung gehe ich davon aus, dass der Trainerberuf als akademischer Beruf zu definieren ist, der in seiner Dotierung den akademischen Berufen gleichzustellen ist. Er hat sich neben dem Beruf des Sportpädagogen zu etablieren und er sollte in gleicherweise professionell organisiert sein.
  • Drittens sollte man sich einig sein, dass ein derartiger Trainerberuf eine Ausbildung an Hochschulen erforderlich macht, die sich durch eine Symbiose von wissenschaftlicher Fundierung und intensiver Praxisnähe auszeichnet. Dies gibt es ja bereits – in Form der Diplomtrainer-Ausbildung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Nur: Wie viele der erfolgreichen Absolventen arbeiten danach als professionelle Tischtennis-Trainer? Und wo?
  • Viertens benötigt der Trainerberuf Einübungsphasen, Probehandeln, Lernen am Vorbild, Sammeln von praktischer Erfahrung und Initiationsriten, die in den Beruf führen. Hierzu sollten erfahrene Tischtennis-Berufstrainer jungen Trainer(innen) Mut machen, sie unterstützen und in bestimmten wichtigen Bereichen in der Praxis auch anleiten und Vorbild sein.
  • Fünftens gehört zu diesen anzustrebenden Lösungswegen auch ein offener mündige(r) Spieler(in), der die Rolle der Trainer zu schätzen weiß, und der sich selbst für die Belange der Trainer einsetzt bis hin zur Überprüfung der finanziellen Beteiligungsmöglichkeiten, die Trainern zu gewähren sind. Das ist auch im Besonderen Aufgabe der Vereine und Verbände
  • Sechstens sollten die Verbände lernen, dass Trainer ihre eigenen Interessen vertreten müssen und dabei auch ihre eigenen Interessen zu schützen haben. Gewerkschaftliche Vereinigungen von Trainern sollten deshalb nicht als ein Störfaktor oder als ein den Sport gefährdendes Element bewertet werden. Die Standesinteressensvertretung muss vielmehr zu einer Selbstverständlichkeit werden.

Bei allen hier skizzenhaft angebotenen Lösungen sollte gesehen werden, dass dies nur Vorschläge sind. Sie können durch bessere ersetzt und ergänzt werden, die auch ganz anders sein können. Es gibt gewiss Alternativen und es lohnt sich, in einen Ideen-Wettbewerb einzutreten. Der Beruf des Trainers ist an die sportliche Leistung gebunden, im Breitensport auch an die quantitative Leistung (Mitgliederzuwachs, Zufriedenheit der Partizipierenden). Er ist so riskant wie die Karriere des Athleten oder die Weiterexistenz des Vereins.

Die Corona-Krise zeigt es jetzt deutlich auf: Die drängenden Themen sollten jetzt aufgegriffen werden. Radikaler möglicherweise, aber auch realistischer! Wer ermutigt und inspiriert seine(n) Verein(e), sein Denken, seine Organisation(en), sich nun selbst zu erneuern? Wer stellt sich vorne hin und erklärt allen Spielerinnen und Spielern, allen Vereinen, dass jetzt nicht das „mannschaftswettkämpfen“ Priorität hat, sondern die Notwendigkeit, den zurückerkämpften Raum zum Training umzusetzen und die Restaurierung und Renovierung unserer Vereine und Verbände, die unsere Sportart repräsentieren, voranzutreiben? Und in welchen Vereinen wird das „Nach-mir-die-Sintflut-Denken“ und „unverantwortliches Konsumieren“ (ohne engagierte Mitarbeit) endlich geächtet, anstelle immer nur darüber zu jammern, dass „… sich niemand bereiterklärt, … :-/“

Und in welchen Vereinen und Verbänden geht man selbstkritisch mit sich ins Gericht und versucht, Dinge, die zum wiederholten Male nicht funktioniert haben, endlich als „falschen Weg“ zu erkennen?

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